Gaudiarabicum  Die Story

August 2002

So laßt Euch denn erzählen, wie die lieblichsten aller Frauen, die ich je gesehen habe, in unsere Lande kamen. Lauschet meinen Worten, und jedes davon ist wahr, denn ich bin selbst dabeigewesen und habe alles mit meinen eigenen Augen gesehen.

Weit von hier, wo die Sonne heiß vom Himmel brennt und es nur selten regnet, wo die Menschen dunklere Haut und Augen schwarz wie Kohle haben, dort gab es eine blühende Stadt und in ihr einen prächtigen Palast. Dieser gehörte dem reichen Edelsteinhändler Azad ibn Badou, der in dritter Generation Hoflieferant des Herrscherhauses war; ein weiser Mann, der gut für die Seinen sorgte.

In den Gärten des Ibn Badou blühten die seltensten Blumen, in seinen Ställen standen die edelsten Pferde, und im Harem des Palastes wohnten schöne Frauen aus vielen fremden Ländern. In Gold und Seide gingen sie, Datteln und süßen Tee naschten sie, und jeden Abend feierten sie ein Fest mit Musik und Tanz.

Das Leben war angenehm dort und ohne Sorgen, bis eines Tages von weither ein Bote mit der Nachricht eintraf, Prinz Ahmed sei in einem Kampf gegen fremde Ritter tödlich verwundet worden. Da klagte Ibn Badou laut, denn der Unglückliche war sein Schwager gewesen. Seine jüngste Schwester, die sanfte Sharifa, hatte er ihm erst ein Jahr zuvor zur Frau gegeben, und nun war sie schon Witwe.

Bald darauf kehrte Sharifa in das Haus ihres Bruders zurück und lebte fortan in seinem Harem, doch trauerte sie nicht lange um ihren verstorbenen Gatten, denn die anderen Frauen wußten sie wohl zu zerstreuen und aufzuheitern.

Ibn Badou aber fand keine Ruhe mehr, und mit ihm viele andere Männer, denn immer öfter kamen nun Flüchtlinge in die Stadt, deren Heime von den fremden Rittern zerstört worden war. Es ging das Gerücht um, daß es Dämonen aus dem Abendlande seien, unverwundbar und todbringend, und daß sie zum Zeichen ihrer Unbezwingbarkeit ein Kreuz auf der Brust trügen.

Dann kam der Tag, als diese Ritter vor den Toren standen. Um seine Stadt zu schützen, schickte der Herrscher seine Truppen aus, und der Kampf dauerte sieben Tage und sieben Nächte. Im Morgengrauen des achten Tages aber ritt ein Bote vor und verkündete laut, daß der Herrscher besiegt sei, doch habe er um eine letzte Gunst ersucht. Darum sei den Stadtbewohnern gestattet, ihre Habe zu packen und unbehelligt davonzuziehen. Wer aber nach Sonnenuntergang noch innerhalb der Stadtmauern weilte, sei des Todes.

Zum Beweis der Niederlage übergab der Bote den Torwachen eine Truhe, und darin fanden sie das abgeschlagene Haupt des Herrschers. Sofort eilten die Menschen in ihre Häuser, packten zusammen, was sie besaßen, beluden ihre Esel, Pferde und Kamele und zogen aus dem nach Osten gelegenen Tor, um so weit wie möglich zu entfliehen.

Auch im Palast des Ibn Badou mühten sich die Bediensteten, alles Tragbare fortzuschaffen, die Teppiche und die geschnitzten Möbel, die seidenen Vorhänge, die kostbaren Gewänder und die Juwelen. Am Abend endlich waren die Zimmer aller Pracht entkleidet, und als die Sonne sich dem Horizont entgegenneigte, verließ eine lange Karawane die Stadt.

Die ganze Nacht hindurch zogen sie und wagten nicht zu rasten, erst im Licht des neuen Tages befahl Ibn Badou anzuhalten, um den Tieren Wasser zu geben. Da kamen von der Seite her fremde Ritter, angelockt von den Schätzen, die in den Truhen zu finden sein mochten. Sofort versammelte Ibn Badou alle kampffähigen Männer um sich und ritt den Angreifern entgegen, die Karawane schickte er zu den felsigen Hügeln, um sich dort zu verbergen und auf ihn zu warten.

Nun waren die Frauen auf sich gestellt, denn nur die ganz alten Männer und die Kinder waren bei ihnen geblieben. So übernahm die Hauptfrau des Ibn Badou die Führung und brachte die Karawane zu den Hügeln. Es gab dort viele Höhlen, die Zuflucht versprachen, und in einer entsprang eine klare Quelle. Die Karawane ging tief hinein und die Frauen verwischten die Spuren, daß kein Räuber sie finden möge. Dann stellten sie eine Wache auf und warteten.

Drei Tage vergingen, doch Ibn Badou kam nicht. Sie schickten den jungen Sohn der Amme aus, einen schlanken, wendigen Knaben mit Namen Tasmiah, daß er Ausschau halten solle, ob er etwas über den Verbleib der Kämpfer herausfinden könne. Nach wenigen Stunden kehrte er zurück und berichtete, er sei bis zu der Stelle zurückgegangen, wo die Ritter die Karawane angegriffen hatten. Keine lebende Seele sei dort mehr anzutreffen, alle Kämpfer hätte wohl der Tod ereilt und die Geier hätten offenbar ein reiches Mahl gehabt. Doch es gebe auch eine gute Nachricht, denn von einem hohen Hügel aus habe er in der Ferne eine Stadt gesehen, die sie sicher erreichen würden, denn vor den Rittern hätten sie ja nun nichts mehr zu befürchten.

Da seufzten die Frauen, teils aus Schrecken und Trauer über den Ausgang des Kampfes, teils aus Erleichterung, daß sie sich hatten retten können. Sie verließen die Höhle und schlugen die Richtung ein, die Tasmiah ihnen wies. Schon bald konnten sie die Stadt am Horizont erkennen, und als sie die Hügel hinter sich gelassen hatten, stießen sie auf einen breiten Weg, auf dem sie schnell weiterkamen.

Zur Mittagszeit erreichten sie eine Grenzmarkierung, wo auch der Weg sich verzweigte. Auf der einen Seite führte er auf die Stadt zu, auf der anderen Seite schlängelte er sich unter einigen Bäumen durch und verschwand in einer Niederung. Da sprach die Amme, deren Sohn so tapfer gespäht und berichtet hatte, zur Schwester des Ibn Badou: „Herrin Sharifa, nun scheint die Rettung nah, doch mag es auch anders ausgehen. Sicher werden Eure noch lebenden Brüder bald hier nach uns suchen und unter ihren Schutz nehmen. Euch werden sie dann neu verheiraten und uns andere wohl verkaufen. Und wer weiß, wie unser Leben dann sein wird?“

„Mir graut davor“, antwortete Sharifa und seufzte. „Doch weiß ich keinen Ausweg. Wenn meine Brüder hier erscheinen, muß ich mich fügen. Ach, hätte ich doch Flügel wie eine Taube und könnte entfliehen!“ Die Amme jedoch lächelte und sprach leise mit ihr, und nach einer Weile lächelte auch Sharifa. Zusammen gingen sie zur Hauptfrau und baten sie um eine Unterredung. Diese befahl eine Rast im Schatten der Bäume und hörte sich an, was die Amme ihr zu sagen hatte. Dann stand sie auf und sprach zu allen, die da rasteten: „Vor uns liegt die Stadt, die uns Schutz und Unterkunft verheißt und wo meine Schwäger uns bald abholen werden. Noch vor dem Abend können wir ihre Tore durchschreiten. Doch mag es unter euch welche geben, die anderen Sinnes sind. Denen bietet sich jetzt die Gelegenheit, sie müssen nun die Entscheidung treffen. Meine Schwägerin Sharifa wünscht die Reise fortzusetzen und ferne Lande zu erkunden, mit ihr geht die Amme Amrita, die in ihr Heimatland zurückkehren möchte. Wer sich ihnen anschließen will, mag es tun mit meinem Segen, doch ist dies dann ein Abschied für immer.“

Darauf erhob sich ein großes Geschnatter unter den Frauen, und schließlich standen die auf, welche die Reiselust gepackt hatte. Sie nahmen all ihre Kleider und ihren Schmuck mit und was sie sonst als wichtig erachteten und folgten dem verschlungenen Weg, während die Hauptfrau mit der großen Karawane zur Stadt aufbrach.

Und dies waren die Reisenden, die sich auf den langen Weg machten: Sharifa, Schwester des Ibn Badou, die sich nicht wieder verheiraten lassen wollte; Amrita, die Amme, die als schwangere junge Frau von ihrem Hof verschleppt und in den Orient verkauft worden war, wo sie ihren Sohn gebar und deshalb von der Hauptfrau gern in ihre Dienste genommen wurde; Tasmiah, ebendieser Sohn, der bis jetzt im Harem gelebt hatte und dem nun bald die bei Sklaven übliche Operation bevorgestanden hätte; Robia, die man auf dem Sklavenmarkt gekauft und zur Tänzerin hatte ausbilden lassen; Aisha bint Berber, die in den Nomadenzelten der Wüste geboren war und ob ihrer Kochkünste in Sharifas besonderer Gunst stand; Danea, Lieblingssängerin des Ibn Badou, die nach einer schlimmen Krankheit ihr Singstimme verloren hatte – und ich natürlich, denn sonst könnte ich diese Geschichte nicht erzählen.

Viele Abenteuer erlebten sie und viele Gefahren bestanden sie, daß ich bis an mein Lebensende davon erzählen könnte, bis eines Tages endlich die grüne Flußaue vor ihnen lag, wo Amrita vor so langer Zeit glücklich gelebt hatte und wo sie nun gern alle zusammen sich niederlassen wollten. Doch stand dort ein fremdes Haus, und fremde Menschen lebten darin. „Der Tuchhändler lebt nicht mehr“, sagten sie und begafften die Frauen mißtrauisch. „Er kam bei einem Überfall vor vierzehn Jahren ums Leben. Der ganze Hof wurde niedergebrannt, niemand ist mehr da. Jetzt wohnen wir hier, das Land gehört uns rechtmäßig. Wer seid Ihr, Fremdlinge, daß Ihr hier Einlaß begehrt?“

Da zogen sie weiter, und Amrita sprach: „So sind wir nun wahrhaftig heimatlos, doch soll uns das nicht betrüben. Auf unserem Weg hierher haben wir viel gelernt, auch voneinander, laßt uns nun dieses Wissen nutzen. Habt Ihr gesehen, wie hoch man hier Musik und Tanz schätzt? Das soll unsere Zukunft und unser Erwerb sein. Und weil wir es ebenso lieben, soll ‚Gaudiarabicum’ unser Name sein. Und dort in dieser Stadt“, sie zeigte nach Norden, „werden wir noch heute Quartier beziehen.“

So sprach sie, und alle folgten ihr mit Zuversicht. Mich ließen sie zurück, denn ich wollte gern auf eigene Faust mein Glück versuchen. Ich bin ihnen nie wieder begegnet, doch höre ich viel lobende Worte über sie. Sind sie in Eurer Stadt, so geht und schauet, genießet den Anblick, und wenn es Euch vergönnt ist, mit ihnen zu sprechen, so überbringt ihnen Grüße von mir. Sagt ihnen, es ergeht mir wohl und ich hüte noch immer den sprechenden Papagei, der damals in den östlichen Wäldern uns allen das Leben rettete ... doch das ist eine andere Geschichte.

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